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Objekt des Monats
September 2020

Die Humboldtvase in der Alten Nationalgalerie Berlin

von Angela Ehling (Berlin)


Schöne und seltene Natursteine wurden und werden gern als Schmucksteine in allen Dimensionen verwendet. Zu Dekorobjekten verarbeitet, stellten sie von jeher einen großen Wert dar und wurden auch gern verschenkt. In den Weiten Russlands gibt es einige sehr seltene und dekorative natürliche Gesteine, die zumindest seit dem 18. Jahrhundert abgebaut und sehr kunstfertig verarbeitet wurden.

Die Zaren schmückten ihre eigenen Paläste damit und verschenkten diese wertvollen Dekorobjekte an andere Königshäuser oder berühmte Personen. Auf diese Weise gelangten einige dieser seltenen Naturstein-Objekte auch nach Deutschland. Eines ist die sogenannte "Humboldt-Vase". Was hat es damit auf sich?

Naturforschern und Mineralogen ist bekannt, dass Alexander von Humboldt 1828 eine ausgedehnte Exkursion durch Russland bzw. Sibirien unternahm. Viele seiner damals gefundenen Gesteine und Minerale befinden sich heute u.a. in den Sammlungen des Museums für Naturkunde in Berlin. Nach Beendigung seiner Reise schenkte Zar Nikolai I. Alexander von Humboldt diese Vase.

Die Vase ist aus einem Block massivem Aventurin gefertigt. Mit einer Höhe von 1,17 Metern besitzt die Vase ein beträchtliches Gewicht von etwa 2 Tonnen (Damaschun & Schmitt 2019). Aventurin bezeichnet Quarze oder manchmal auch Feldspäte mit einer "Aventureszenz" – einem Lichteffekt, der auf der Reflexion des Lichtes an in einem Wirtsmineral eingewachsenen spiegelndem Kriställchen eines Fremdminerals, wie z.B. Glimmer, Kupfer oder Hämatit, beruht. Dieser Aventurin aus Kolywan besteht aus Quarz und zeigt eine rötliche und weiße Farbe. Er stammt aus der Quarzit-Lagerstätte Belorezk im Altai. Sie liegt knapp 30 km nördlich der berühmten Steinschleiferei von Kolywan - ein kulturtechnologischer Knotenpunkt im asiatischen Teil Russlands im 18. und 19. Jahrhundert.

Viele Naturforscher zog es dorthin. Bernhard von Cotta, Professor für Geologie und Begründer der Erzlagerstättenkunde an der Bergakademie Freiberg, erkundete 1868 im Auftrag des russischen Zarenhauses die Erzlagerstätten des Altai und schrieb über seinen Besuch in Kolywan: "Es dürfte schwer sein, eine zweite Lokalität aufzufinden, welche in ihrer Nachbarschaft eine so reiche Auswahl politurfähiger und in großen Massen vorkommender Gesteine wie Kolywan darbietet: prachtvolle Granite, Porphyre, Porphyrite, Grünsteine, sog. Jaspisse, Kieselschiefer, Quarze, Aventurine, Brekzien und verschiedene Marmorarten" (Bauer et al., 2008).

Über die Produktion berichtete u.a. der deutsche Mineraloge Gustav Rose, der 1829 vor Ort war. Die Gewinnung, ihr Transport zur Manufaktur und die Bearbeitung, einschließlich des Schleifprozesses waren sehr arbeitsintensiv und mühselig. Die Schwerlasttransporte der gefertigten Objekte nach Moskau und St. Petersburg über eine Strecke von ca. 5000 Werst (5300 km) waren es nicht minder: bis zum Ural ging es im Winter auf Schlitten voran und erst ab dort konnten die Wasserwege über die Kama, die Wolga und angelegte Kanäle genutzt werden. Das dauerte durchschnittlich ein halbes Jahr. Neben der Schönheit des Steines sind es auch die schöpferische Kunstfertigkeit und die physische Anstrengung der Menschen, die unsere Bewunderung hervorrufen bei der Betrachtung dieser in Kolywan gefertigten Objekte (Damaschun & Schmitt, 2018).

Auch für Humboldt stellte das Geschenk ein transporttechnisches Problem dar. Es bedurfte der Vermittlung von Humboldts Bankier Joseph Mendelssohn sowie des preußischen Gesandten Ferdinand von Galen, um die Überführung nach Berlin zu bewerkstelligen. Alexander von Humboldt schrieb 1829 an seinen Bruder: „Er [Nikolai I.] hat mich mit herzlichen Zeichen der Wertschätzung überhäuft.... Ich habe einen Zobelpelz von 5000 Papierrubeln erhalten und eine Vase wie die schönsten des Palastes (mit dem Sockel sieben Fuß hoch!), die man auf 35000 oder 40000 Papierrubel schätzt." Damit war die Vase etwa viermal so viel wert wie Cancrin für die Finanzierung von Humboldts gesamter Forschungsreise veranschlagt hatte, eine auf immerhin 8 Monate angelegte Expedition über rund 19.000 km. Humboldt übergab die Vase 1830 an die Königlichen Sammlungen und erwirkte, dass sie im gerade eröffneten (Alte)n Museum in Berlin aufgestellt wurde. 1876 kam sie in die damals neu gebaute Nationalgalerie (Aranda et al, 2014). Dort steht sie heute in der 3. Etage und schmückt das Treppenhaus.






Die Humboldt-Vase in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Höhe der Vase 117 cm.
© Peter Hofmann. Zum Vergrößern ins Bild klicken

Objekt:
Die Humboldt-Vase in der Alten Nationalgalerie Berlin

Lage:
Alte Nationalgalerie Berlin
Bodestraße 1-3, 10178 Berlin

GPS:
52.520800, 13.398356 Alte Nationalgalerie

Entstehungszeit:
Anfang des 19. Jahrhunderts
1828 als Geschenk von Zar Nikolai I. an Alexander von Humboldt. 1830 von Humboldt an die Königlichen Sammlungen Berlin übergeben. 1876 Standort in der damals Neuen Nationalgalerie.

Größe: 117 cm

Gestein:
"Aventurin", hier Quarz.

Wirtsgestein: Quarzit

Alter / Lithologie:
keine Angabe

Herkunft:
Quarzit-Lagerstätte Belorezk im Altai.

Abbau: mindestens seit dem 18. Jahrhundert

Literatur:

ARANDA, K., FÖRSTER, A. & SUCHOW, C. (Hrsg.) (2014): Alexander von Humboldt und Russland. Eine Spurensuche; 600 S., Berlin.

BAUER, R., WILLIAMS, J. & WEBER, W. (Hrsg.) (2008): Technik zwischen artes und arts.- Münster.

DAMASCHUN, F. & SCHMITT, R. (Hrsg.) (2019): Alexander von Humboldt. Minerale und Gesteine im Museum für Naturkunde in Berlin.- 424 S., Berlin.


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